Branchentrends

Research Artikel

Branchentrends

Text: Matthias Pink

Von „Arm, aber sexy“ zur „Boomtown Berlin“

Die Geschichte der Berliner Wirtschaft der letzten Jahre ist eine Wachstumsgeschichte, die insbesondere auf den Büromarkt ausstrahlte. „Arm, aber sexy“ lautete der Slogan der Hauptstadt bis vor noch nicht allzu langer Zeit. „Boomtown Berlin“ ist heute eher das Bild, das von der Stadt – nicht zuletzt international – gezeichnet wird. Dass dieses Bild keine Fiktion ist, zeigt ein Blick auf die Fakten: Keine der deutschen Top-7-Städte ist in den letzten zwanzig Jahren wirtschaftlich so stark gewachsen wie Berlin – sowohl im Hinblick auf die Wirtschaftsleistung (+ 41 % - Durchschnitt Top 7: + 27 %) als auch bezogen auf die Erwerbstätigkeit (+ 30 % - Durchschnitt Top 7: + 25 %).

Zur Wahrheit gehört freilich auch, dass das Ausgangsniveau ein niedriges war und die Berliner Wirtschaft auch heute noch den Anschluss sucht. Das Bruttoinlandsprodukt liegt mit knapp 40.000 Euro je Einwohner nach wie vor weit unter dem Niveau der anderen Top-7-Städte. Selbst Köln als Vorletzter in diesem Ranking hat mit knapp 60.000 Euro je Einwohner noch einen großen Vorsprung. Gleichwohl sind die Voraussetzungen gegeben, dass Berlin seine Wachstumsstory der vergangenen zwanzig Jahre auch in den kommenden Dekaden fortsetzen kann. Einige der anstehenden Großprojekte dürften hier einen nicht unerheblichen Beitrag leisten.

Wachstum der Informations- und Kommunikationsbranche versinnbildlicht Dynamik und Wachstumspotenzial der Berliner Wirtschaft
Wachstum ist Veränderung und so hat sich auch die Berliner Wirtschaftsstruktur in den letzten zwei Jahrzehnten zwar nicht grundlegend, aber doch sichtbar verändert.

Heute wie vor zwanzig Jahren sind das Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Handel die beiden Wirtschaftszweige mit den meisten Erwerbstätigen. Auf beide Branchen zusammen entfällt fast ein Viertel der Erwerbstätigkeit. Ansonsten haben sich die Positionen und Anteile in den letzten zwanzig Jahren durchaus erheblich verschoben. Zwei Wirtschaftsbereiche haben dabei besonders an Bedeutung verloren: Der öffentliche Sektor, der von Rang 3 auf Rang 5 zurückgefallen ist, sowie das verarbeitende Gewerbe, das sogar um fünf Positionen auf Rang 9 abrutschte. Umgekehrt gibt es einige bemerkenswerte Aufsteiger. So haben sowohl der Wirtschaftszweig der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen als auch jener der sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen (z. B. Unternehmens-, Rechts- und Steuerberatung) ihren Anteil an der Erwerbstätigkeit auf jeweils etwa 10 % fast verdoppelt. Auch die Informations- und Kommunikationsbranche ist überproportional gewachsen. Wie kaum eine andere steht sie vielleicht sinnbildhaft für die neue Dynamik der Berliner Wirtschaft. Schließlich tummeln sich hier die meisten der zahlreichen Startups, die Berlin heute ausmachen und in den Rang einer der bedeutendsten Gründermetropolen Europas gehoben haben. Dieser Status ist auch ein Versprechen an die Zukunft, schließlich sind Innovationsfreude und Wachstumsorientierung das Wesen neu gegründeter Unternehmen. Doch auch insgesamt verspricht die heutige, auf (moderne) Dienstleistungen ausgerichtete Berliner Wirtschaftsstruktur mehr Wachstum als die alte. Die Kehrseite dessen dürfte eine stärker ausgeprägte Sensibilität gegenüber konjunkturellen Schwankungen und mithin eine höhere Krisenanfälligkeit sein. Hier spielt neben der Branchenzusammensetzung aber sicherlich auch die Diversität der Wirtschaftssektoren eine Rolle und diese hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren nur wenig verändert und ist zudem im Top-7-Vergleich recht hoch. Am deutlichsten ist der Kontrast zu Stuttgart. In der baden-württembergischen Landeshauptstadt trägt allein der größte Wirtschaftszweig, das verarbeitende Gewerbe, ein Viertel zur Wirtschaftsleistung bei. Die fünf größten Sektoren haben einen Anteil von 58 % an der gesamten Wirtschaftsleistung Stuttgarts. In Berlin sind es lediglich 48 % und damit knapp der niedrigste Anteil aller Top-7-Standorte (Durchschnitt: 52 %).

Finanzkrise fast unbeschadet überstanden – dieses Mal sind die Voraussetzungen weniger günstig
Sowohl die relativ hohe Diversität der Berliner Wirtschaftszweige als auch ihre spezifische Komposition dürften dafür gesorgt haben, dass Berlin die letzte Krise einigermaßen schadlos überstanden hat. Während der Finanzkrisenrezession des Jahres 2009 schrumpfte die deutsche Wirtschaft um 5,6 %, jene in Berlin lediglich um 1,1 %. Schon im Jahr darauf hatte die Berliner Wirtschaftsleistung ihr Vorkrisenniveau wieder erreicht. Das schaffte weder Deutschland insgesamt noch eine der anderen Top-7-Städte. Neben dem Finanzsektor war damals nachgelagert das (exportorientierte) verarbeitende Gewerbe besonders von der Krise betroffen. Beide Wirtschaftszweige sind in Berlin unterrepräsentiert und auf alle anderen Wirtschaftszweige, zum Beispiel den Einzelhandel, strahlte die Rezession kaum aus. Das Muster der Coronakrise ist ein völlig anderes. Gemäß einer Erhebung des ifo-Instituts sind die Dienstleistungsunternehmen nach eigener Einschätzung am stärksten betroffen, gefolgt von den Einzelhändlern. Die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes halten sich für unterdurchschnittlich stark betroffen. Innerhalb des Dienstleistungssektors wiederum sind unter anderen die Tourismusindustrie, die Kulturwirtschaft und das Gastgewerbe besonders betroffen. So gaben 85 % aller befragten Reisebüros an, dass die Krise ihre Existenz bedroht. Dasselbe gilt für etwa sieben von zehn Gastronomen und Beherbergungsbetriebe.

Von der Coronakrise stark betroffene Branchen in Berlin überrepräsentiert
Wie alle großen Städte ist Berlin natürlich vom Dienstleistungssektor geprägt, und das sogar in besonderem Maße. Mehr als vier Fünftel der Wirtschaftsleistung entfallen auf ihn. Unter den Top-7-Städten gilt das ansonsten nur für Frankfurt. Mehr noch als in Frankfurt sind die von der Coronakrise besonders stark betroffenen Dienstleistungsbereiche für die Berliner Wirtschaft recht bedeutsam. Mit Ausnahme der Schifffahrt sind alle überdurchschnittlich stark betroffenen Dienstleistungsbranchen in Berlin gemessen am Bundesdurchschnitt überrepräsentiert. Insgesamt arbeitet dort etwa ein Fünftel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (bundesweit 13 %). Zwar gibt es umgekehrt durchaus einige für Berlin wichtige Wirtschaftsbereiche, deren Unternehmen sich wenig bedroht sehen. Dazu zählen etwa Informations- und Kommunikationsdienstleistungen sowie der Bereich Forschung und Entwicklung. Trotzdem steht zu erwarten, dass Berlin von der aktuellen Krise stärker betroffen sein wird als von der Finanzkrise und auch stärker als manch andere der Top-7-Städte.

Branchenübergreifend starker Anstieg der Arbeitslosigkeit – nur im öffentlichen Sektor nicht
Ob es tatsächlich so kommt, wird sich erst in der Retrospektive mit Gewissheit sagen lassen. Die Entwicklungen am Arbeitsmarkt seit Krisenbeginn deuten aber in die zu erwartende Richtung. Seit März stieg die Arbeitslosenquote in Berlin um 2,6 %-Punkte auf 10,5 %. In keiner anderen Top-7-Stadt fiel der Anstieg so stark aus (Durchschnitt: 1,8 %-Punkte). Insgesamt waren im Juni etwas mehr als 200.000 Menschen ohne Arbeit und damit 37 % mehr als ein Jahr zuvor. Für weitere gut 400.000 Beschäftigte wurde Kurzarbeit angezeigt. Lediglich im öffentlichen Sektor verloren weniger Beschäftigte ihre Arbeit als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (- 7 %). In allen anderen Wirtschaftszweigen wurden wesentlich mehr Menschen arbeitslos als im Vorjahr (siehe Abbildung unten). Stark überdurchschnittlich betroffen waren das Gastgewerbe (+ 156 %), das Verkehrswesen (+ 148 %) sowie Reisebüros (+ 129 %). Selbst in den resilienteren Sektoren, etwa dem Bereich Heime und Sozialwesen oder der Informations- und Kommunikationsbranche, wurden wesentlich mehr Menschen arbeitslos als im Vorjahr (jeweils + 18 %).
 

Öffentliche Hand als Stabilisator am Büromarkt
Diese Entwicklungen werden auch am Berliner Immobilienmarkt ihre Spuren hinterlassen, wenngleich ein Blick auf die einschlägigen Kennzahlen das noch nicht erkennen lässt. Typischerweise dauert es sechs bis neun Monate, bis sich wirtschaftliche Entwicklungen in den Immobilienmarktdaten niederschlagen, sodass die Effekte erst im Herbst sichtbar werden dürften. Über deren Ausmaß und den weiteren Verlauf lässt sich nur spekulieren, mit Blick auf die Betroffenheit der einzelnen Branchen liegt es jedoch auf der Hand, dass in erster Linie die Märkte für Beherbergungs-, Gastronomie- und Einzelhandelsflächen betroffen sein werden. Der Büromarkt dürfte sich als wesentlich robuster erweisen, zumal er bis zur Krise von einem Nachfrageüberhang geprägt war. Hinzu kommt die stabilisierende Rolle des öffentlichen Sektors. Dieser ist zwar nicht mehr so bedeutsam wie vor zwanzig Jahren, aber weiterhin einer der größten Büronutzer Berlins. Gleichwohl gibt es natürlich auch Büronutzer, deren Geschäftslage sich durch die Krise verschlechtert hat und die schlimmstenfalls in ihrer Existenz gefährdet sind. Die ifo-Erhebung legt nahe, dass dies vor allem Unternehmen des Verlagswesens sowie der Werbe- und Marktforschungsbranche betrifft. Anders als die öffentliche Hand sind diese Branchen für die gesamte Büroflächennachfrage Berlins aber von untergeordneter Bedeutung.

Hohe Branchendiversität über alle Büroteilmärkte
Noch ein weiterer Aspekt könnte sich als stabilisierender Faktor für den Büroimmobilienmarkt erweisen: Die Branchenverteilung ist nicht nur in Berlin insgesamt recht ausgewogen, sondern auch auf Ebene der einzelnen Büroteilmärkte. Einen Teilmarkt wie etwa das Frankfurter Bankenviertel, dessen dominante Nutzer namensgebend sind, gibt es in Berlin nicht. Dem Namen nach gibt es mit der Mediaspree zwar einen vergleichbaren Berliner Büroteilmarkt, diese Lage erhielt ihren Namen aber schon bevor sie sich als Bürolage etablierte. Zwar sind hier in der Tat zahlreiche Medienunternehmen ansässig, sie dominieren aber den Teilmarkt nicht. Zu den größten Büronutzern der Mediaspree zählen unter anderen Coca Cola, Daimler und Zalando – allesamt Unternehmen aus anderen Branchen. Zudem belegt die öffentliche Hand in erheblichem Umfang Büroflächen. Auch die anderen Büroteilmärkte weisen eine hohe Branchendiversität auf. Zwar gibt es durchaus kleinräumige Branchenballungen, die wenigsten davon betreffen aber Branchen, die durch die Coronakrise überdurchschnittlich stark existenzgefährdet sind. So ist zum Beispiel in Mitte ein großer Teil der in Berlin ansässigen Versicherungen/Pensionskassen vertreten, zudem befinden sich dort viele Rundfunkveranstalter. Am ehesten lassen sich Ballungen von Unternehmen aus vergleichsweise stark betroffenen Branchen im Bereich des Alexanderplatzes ausmachen. Dort sind mehr als einhundert Betriebe aus dem Verlagswesen ansässig (Berlin insgesamt: ca. 900) sowie darüber hinaus fast jeder zehnte Betrieb aus dem Wirtschaftszweig Werbung und Marktforschung. Die beiden Branchen Information und Kommunikation sowie Unternehmensberatung (inkl. Rechts- und Steuerberatung sowie Wirtschaftsprüfung) zählen aber sowohl am Alexanderplatz als auch in fast allen anderen zentralen Büroteilmärkten zu den Top-5-Büronutzern – zwei Branchen also, die von der Coronakrise insgesamt vergleichsweise wenig betroffen sein dürften und die für die lange Frist weiteres Wachstum versprechen.

 

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